Lernen › Kopfrechenstrategien
Ratgeber für Eltern und Lehrkräfte
Kopfrechenstrategien, die wirklich helfen
Gut im Kopf zu rechnen heißt nicht, ein menschlicher Taschenrechner zu sein. Es heißt, eine Handvoll verlässlicher Rechenwege zu kennen, mit denen sich eine schwierig wirkende Aufgabe in zwei oder drei kleine Schritte verwandeln lässt, die man sicher beherrscht. Genau diese Strategien lernen Kinder in der Grundschule. Die Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz verlangen, dass sie Rechenwege flexibel nutzen, miteinander vergleichen und bewerten können.
Schreibt Ihr Kind dabei Zwischenschritte auf, etwa 47 + 30 = 77 und 77 − 1 = 76, spricht man in der Schule von halbschriftlichem Rechnen. Auch das gehört hierher: Gerechnet wird trotzdem im Kopf, die Notiz hilft nur beim Behalten. Hier sind die acht Strategien, denen Ihr Kind am häufigsten begegnet, mit den Namen, die Lehrkräfte verwenden, und mit durchgerechneten Beispielen. Für Erwachsene funktionieren sie genauso.
1. Zehnerübergang: erst bis zur Zehn
Bei 8 + 5 zerlegt man die 5 in 2 und 3: 8 + 2 = 10, und 10 + 3 = 13. Erst bis zum nächsten Zehner, dann weiter: Dieser Schritt über den Zehner ist eine der wichtigsten Strategien beim Addieren, und er steht schon in der 1. Klasse im Mittelpunkt. Er klappt aber nur, wenn die Zahlzerlegungen sitzen. Ihr Kind muss ohne Zählen wissen, dass der 8 noch 2 bis zur 10 fehlen. In vielen Klassen heißen solche Paare „verliebte Zahlen“.
Mit größeren Zahlen geht es genauso. Bei 38 + 7 springt man erst bis zur 40 und hat dann noch 5 übrig:
Beim Minusrechnen geht man erst zurück bis zum Zehner: 43 − 6 = 43 − 3 − 3. Von 43 sind es 3 zurück bis zur 40, dann noch 3 weiter zurück bis zur 37.
2. Zerlegen: schrittweise oder stellenweise
Zweistellige Zahlen lassen sich in Zehner und Einer zerlegen. In der Schule unterscheidet man dabei zwei Wege. Stellenweise rechnet man Zehner und Einer getrennt: Bei 46 + 37 ist 40 + 30 = 70 und 6 + 7 = 13, zusammen 83. Schrittweise zerlegt man nur die zweite Zahl: 46 + 30 = 76, dann 76 + 7 = 83.
Im Kopf fängt man meist mit den Zehnern an, also von links nach rechts. Das ist im Deutschen gar nicht selbstverständlich, denn wir sagen „sechsundvierzig“ und nennen die Einer zuerst. Deshalb hilft es, sich die Zahl vorher als 4 Zehner und 6 Einer vorzustellen. Das beugt auch Zahlendrehern vor, bei denen ein Kind 38 statt 83 aufschreibt.
Beim Minusrechnen ist der schrittweise Weg sicherer: 72 − 35 = 72 − 30 − 5, also 42 − 5 = 37. Stellenweise führt hier leicht zu einem typischen Fehler. Das Kind rechnet 70 − 30 = 40, bei den Einern „5 − 2 = 3“ und kommt auf 43. In der Aufgabe steht aber 2 − 5, nicht 5 − 2.
3. Verdoppeln, Fast-Verdoppeln und Halbieren
Verdopplungsaufgaben wie 6 + 6 = 12 oder 7 + 7 = 14 merken sich Kinder schnell, und sie stehen schon in der 1. Klasse auf dem Plan. Mit ihnen lassen sich die Nachbaraufgaben lösen: 7 + 8 ist das Doppelte von 7 und 1 mehr, also 15. Oder das Doppelte von 8 und 1 weniger, auch das ergibt 15. Mit größeren Zahlen geht es genauso: 25 + 26 = 50 + 1 = 51, und 35 + 34 = 70 − 1 = 69.
Halbieren ist die Umkehrung. Die Hälfte von 46 ist die Hälfte von 40 und die Hälfte von 6, also 20 + 3 = 23. Bei 78 lohnt sich ein kleiner Kniff: Man zerlegt in 60 + 18, weil man von beiden Zahlen die Hälfte sofort weiß: 30 + 9 = 39.
4. Hilfsaufgabe: runden und ausgleichen
Bei 47 + 29 ist die 29 fast 30. Man rechnet deshalb die Hilfsaufgabe 47 + 30 = 77 und gleicht danach aus: Man hat 1 zu viel dazugerechnet, also 77 − 1 = 76.
Das geht mit jeder Zahl, die knapp unter einem Zehner oder Hunderter liegt: 47 + 9 = 57 − 1 = 56, 64 + 18 = 84 − 2 = 82 und 365 + 99 = 465 − 1 = 464. Beim Minusrechnen ist es umgekehrt. Man zieht zu viel ab und gibt das Zuviel wieder dazu: 52 − 9 = 42 + 1 = 43, und 83 − 28 = 53 + 2 = 55.
Im Alltag ist die Hilfsaufgabe wie gemacht für Preise, die auf 99 Cent enden. Ein Malblock für 2,99 € und eine Packung Buntstifte für 4,99 € kosten fast 3 € + 5 € = 8 €. Weil jeder Artikel 1 Cent weniger kostet, sind es 8 € − 2 ct = 7,98 €.
Ein häufiger Fehler ist, in die falsche Richtung auszugleichen: erst 47 + 30 = 77 und dann 1 dazu statt 1 weg. Eine Frage hilft: „Habe ich zu viel oder zu wenig dazugerechnet?“ Wer zu viel dazugerechnet hat, nimmt wieder etwas weg.
5. Ergänzen statt Abziehen
Eine Minusaufgabe fragt auch nach dem Unterschied zwischen zwei Zahlen. Bei 62 − 38 kann man deshalb von 38 aus bis 62 ergänzen, statt abzuziehen: 2 bis zur 40, dann 22 bis zur 62. Der Unterschied ist 2 + 22 = 24. Kinder kennen diese Idee von den Platzhalteraufgaben: 62 − 38 ist die Zahl, die in 38 + □ = 62 fehlt.
Ergänzen ist unschlagbar, wenn die beiden Zahlen nah beieinanderliegen. Bei 1003 − 997 fehlen 3 bis zur 1000 und dann noch 3 bis zur 1003. Das Ergebnis ist 6. Schriftlich gerechnet stecken in dieser Aufgabe wegen der Nullen gleich mehrere Fehlerquellen.
Genau so zählt man auch Wechselgeld ab. Zwei Kugeln Eis kosten 3,60 €, bezahlt wird mit einem 10-Euro-Schein. Von 3,60 € sind es 40 ct bis 4 € und dann 6 € bis 10 €. Zurück gibt es 6,40 €. Die Probe: 3,60 € + 6,40 € = 10 €.
Stellen Sie nicht alle Strategien auf einmal vor. Nehmen Sie sich eine pro Woche vor und suchen Sie Gelegenheiten dafür: beim Einkaufen, im Auto, beim Tischdecken. Lassen Sie Ihr Kind laut erklären, wie es gerechnet hat. Kommt es auf einem anderen Weg als Ihrem zum richtigen Ergebnis, ist das völlig in Ordnung: Beim Kopfrechnen gibt es fast immer mehrere gute Wege.
6. Verdoppeln und Halbieren beim Malnehmen
Das Verdoppeln hilft auch beim Malnehmen. Mal 4 heißt zweimal verdoppeln: 17 · 4 ist das Doppelte von 34, also 68. Mal 8 heißt dreimal verdoppeln: 6, 12, 24, 48, also ist 6 · 8 = 48.
Mal 5 ist die Hälfte von mal 10. So leiten Kinder die Fünferreihe aus der Zehnerreihe ab: 5 · 7 ist die Hälfte von 70, also 35. Das funktioniert auch mit größeren Zahlen: 46 · 5 = 460 : 2 = 230.
Man kann außerdem eine Zahl halbieren und die andere verdoppeln, das Ergebnis bleibt gleich: 16 · 25 = 8 · 50 = 4 · 100 = 400. Und statt 5 · 14 rechnet man lieber 10 · 7 = 70.
7. Malaufgaben zerlegen: 9er, 11er und mehr
In der Schule beginnt das kleine Einmaleins mit den Kernaufgaben: mal 1, 2, 5 und 10 und die Quadrataufgaben wie 4 · 4. Die übrigen Aufgaben leiten Kinder daraus ab. 9 · 7 ist 10 · 7 minus einmal 7, also 70 − 7 = 63. 6 · 7 ist 5 · 7 plus einmal 7, also 35 + 7 = 42. Und wer 6 · 4 = 24 weiß, weiß auch 60 · 4 = 240.
Dahinter steckt das Zerlegen einer Malaufgabe, das Kinder ab der 3. Klasse auch halbschriftlich nutzen: 7 · 23 = 7 · 20 + 7 · 3 = 140 + 21 = 161. Auf diese Weise lässt sich auch mit 11 rechnen, obwohl das kleine Einmaleins nur bis 10 · 10 reicht: 11 · 14 ist 10 · 14 plus einmal 14, also 140 + 14 = 154. Erwachsene können die Idee weitertreiben: 99 · 6 = 600 − 6 = 594.
8. Prüfen: gerade, ungerade, Endziffer und Überschlag
Am Ende lohnt ein kurzer Blick auf das Ergebnis: Kann das überhaupt stimmen? Drei Prüfungen helfen dabei.
- Gerade und ungerade: Zwei ungerade Zahlen ergeben zusammen immer eine gerade Zahl, eine gerade und eine ungerade Zahl immer eine ungerade. Ist bei einer Malaufgabe ein Faktor gerade, ist auch das Ergebnis gerade. 6 · 13 kann also nicht 79 sein. Richtig ist 78.
- Die Endziffer: Die letzte Ziffer einer Summe hängt nur von den letzten Ziffern der Summanden ab. 47 + 38 muss auf 5 enden, weil 7 + 8 = 15 ist. 84 ist also falsch, richtig ist 85.
- Der Überschlag: 398 + 207 ist ungefähr 400 + 200 = 600. Ein Ergebnis wie 1005 kann nicht stimmen, richtig ist 605. Ab der 3. Klasse machen Kinder vor einer schriftlichen Rechnung in der Regel zuerst einen Überschlag.
Diese Prüfungen liefern nicht das Ergebnis, aber sie zeigen sofort, wenn eines falsch ist.
Welche Strategie in welcher Klasse?
Die Tabelle zeigt, wann die meisten Schulen eine Strategie einführen. Je nach Bundesland und Schulbuch kann sich das etwas verschieben. Danach bleibt jede Strategie im Einsatz, mit immer größeren Zahlen.
| Strategie | Wann sie meist drankommt |
|---|---|
| Zehnerübergang | 1. Klasse im Zahlenraum bis 20, in der 2. Klasse bis 100 |
| Zerlegen (schrittweise, stellenweise) | 2. Klasse bis 100, 3. Klasse bis 1000 |
| Verdoppeln, Fast-Verdoppeln, Halbieren | 1. Klasse bis 20, danach mit größeren Zahlen |
| Hilfsaufgabe | 2. Klasse, sobald bis 100 gerechnet wird |
| Ergänzen | 1. Klasse mit Platzhalteraufgaben bis 20; Wechselgeld in Euro und Cent in der 2. Klasse, mit Kommabeträgen ab der 3. Klasse |
| Verdoppeln und Halbieren beim Malnehmen, Nachbaraufgaben im Einmaleins | 2. Klasse mit den Kernaufgaben; daraus wird das ganze kleine Einmaleins abgeleitet, das bis Ende der 2. oder im Lauf der 3. Klasse sitzen soll |
| Malaufgaben zerlegen (7 · 23) | 3. Klasse, beim halbschriftlichen Multiplizieren |
| Prüfen | Überschlag ab der 3. Klasse; Teilbarkeitsregeln für 2, 3, 5 und 10 in der 5. Klasse |
Alles zusammen: eine Wabe zum Knobeln
In den Rätseln von Beequation kommen all diese Strategien zusammen. In jedem Wabenrätsel ist eine Zahl die Summe von zwei anderen. Wer sie schnell finden will, schaut auf die Endziffern, denkt an gerade und ungerade und rechnet fast nebenbei über den Zehner. Wie die Rätsel genau funktionieren, erklärt die Spielanleitung. Probieren Sie es aus:
Indies KnobelaufgabeIndie hat fünf Zahlen in ihre Waben geschrieben: 57, 28, 85, 34 und 46. Eine davon ist die Summe von zwei anderen. Findest du heraus, welche? Lösung zeigen
Es ist die 85, denn 57 + 28 = 85. So kommt man darauf: Am besten probiert man zuerst die größte Zahl, also 85. Sie ist ungerade, also muss sie aus einer geraden und einer ungeraden Zahl entstehen. Die einzige andere ungerade Zahl ist 57, denn 28, 34 und 46 sind gerade. Die Endziffer bestätigt es: 85 endet auf 5, und von den Endziffern 7, 8, 4 und 6 ergibt nur 7 + 8 = 15 eine Zahl mit 5 am Ende. Probe mit der Hilfsaufgabe: 57 + 30 = 87, und 87 − 2 = 85.
Kurze Antworten
Das hängt von den Zahlen ab. Für 47 + 9 passt die Hilfsaufgabe, für 62 − 38 das Ergänzen, für 7 + 8 das Fast-Verdoppeln. Deshalb lohnt es sich, mehrere Strategien zu kennen und sich anzugewöhnen, erst auf die Zahlen zu schauen und dann loszurechnen.
Beides gehört zusammen. Die schriftlichen Rechenverfahren, die ab der 3. Klasse dazukommen, sind für große Zahlen gedacht, doch jede Spalte darin ist eine kleine Kopfrechenaufgabe. Bei 1000 − 998 ist das Ergebnis 2 im Kopf schneller und sicherer da als schriftlich. Und der Überschlag im Kopf zeigt, ob ein schriftliches Ergebnis stimmen kann.
Fragen Sie die Lehrkraft, welche Strategien die Klasse gerade übt, und knüpfen Sie daran an. Kann Ihr Kind seinen Weg erklären und kommt damit richtig an, lassen Sie es ruhig dabei. Was heute im Unterricht passiert, erklärt unser Ratgeber So wird Mathe heute in der Grundschule unterrichtet.
Ja, es sind genau dieselben. Wer regelmäßig ein paar Minuten mit Zahlen knobelt, bleibt in Übung. Eine spielerische Möglichkeit dafür ist unser tägliches Zahlenrätsel für Erwachsene.
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