Für Eltern
Wenn Ihr Kind sagt: „Ich kann kein Mathe“
„Ich kann kein Mathe.“ „Ich bin zu dumm dafür.“ „Ich hasse Zahlen.“ Solche Sätze von Ihrem Kind zu hören, tut weh, besonders wenn es Ihnen in der Schule selbst so ging. Die gute Nachricht: Wie ein Kind über Mathe denkt, kann sich ändern, und Eltern und Lehrkräfte können viel dazu beitragen. Dieser Ratgeber erklärt, woran Sie Matheangst erkennen, wie sie sich von einer Rechenschwäche unterscheidet und was Sie zu Hause tun können.
Was ist Matheangst?
Matheangst ist ein Gefühl von Sorge, Anspannung oder sogar Panik, sobald es um Mathe geht. Das ist nicht dasselbe, wie sich mit Mathe schwerzutun. Auch Kinder, die gut rechnen können, haben manchmal Angst davor, und gerade diese Angst steht ihnen dann im Weg. Wer in Panik gerät, dem fallen selbst bekannte Ergebnisse wie 3 · 4 nicht mehr ein, und einen Rechenweg kann man kaum noch in Ruhe durchdenken. Die Aufgabe geht schief, und das scheint zu beweisen, dass man es „eben nicht kann“. Diesen Kreislauf zu durchbrechen, ist das Ziel.
Woran Sie Matheangst erkennen
- Ihr Kind sagt „Das kann ich nicht“, bevor es die Aufgabe überhaupt gelesen hat, oder gibt sehr schnell auf.
- Es hat Bauchweh, weint oder wird wütend bei den Mathe-Hausaufgaben oder am Morgen vor einer Klassenarbeit.
- Es hetzt durch die Aufgaben, nur um sie hinter sich zu haben, oder rät wild drauflos.
- Es ist bei Aufgaben, die es sonst sicher löst, plötzlich wie blockiert, vor allem unter Zeitdruck, etwa beim Blitzrechnen.
- Es weicht aus: Das Matheheft ist „vergessen“, oder es muss plötzlich ganz dringend auf die Toilette.
- Es vergleicht sich ständig mit anderen: „Alle anderen waren schon längst fertig.“
Einen schlechten Tag hat jedes Kind einmal. Erst wenn solche Anzeichen immer wieder auftauchen, lohnt es sich, gezielt etwas zu tun.
Matheangst oder Rechenschwäche?
Manchmal steckt hinter der Angst mehr. Eine Rechenschwäche (auch Dyskalkulie genannt) ist eine anhaltende Schwierigkeit mit dem grundlegenden Verständnis von Zahlen und Mengen, die trotz guter Förderung bestehen bleibt. Kinder mit einer Rechenschwäche lösen zum Beispiel Aufgaben wie 7 + 8 noch lange durch Abzählen an den Fingern, haben kaum eine Vorstellung davon, wie groß eine Zahl ist, oder verwechseln Zehner und Einer immer wieder. Viele von ihnen entwickeln mit der Zeit auch Matheangst, weil sie so oft scheitern.
Der Unterschied ist wichtig: Bei Matheangst beherrscht das Kind den Stoff oft, aber die Angst blockiert es. Bei einer Rechenschwäche fehlt das Fundament, und Mut allein reicht nicht. Ob eine Rechenschwäche vorliegt, kann nur eine gründliche Untersuchung durch Fachleute klären, kein Schnelltest aus dem Internet. Erste Ansprechpartner sind die Lehrkraft Ihres Kindes und der Schulpsychologische Dienst, der Eltern kostenlos berät. Welche Förderung die Schule dann anbieten kann, regelt jedes Bundesland etwas anders.
Die Macht der Worte: „noch nicht“
Viele Kinder glauben, Mathe sei eine Begabung: Entweder man hat sie, oder man hat sie nicht. Viele Lehrkräfte vermitteln heute bewusst eine andere Haltung: Mit Übung wird jeder besser, und Anstrengung gehört zum Lernen dazu. Sie ist kein Zeichen dafür, dass man etwas nicht kann.
Was Sie zu Hause sagen, kann das unterstützen. Probieren Sie es mit einem kleinen Wort: „noch“.
- „Ich kann den Zehnerübergang nicht“ wird zu „Ich kann den Zehnerübergang noch nicht.“
- „Ich kann die Siebenerreihe nicht“ wird zu „Die kann ich noch nicht, aber die Zweier-, Fünfer- und Zehnerreihe kann ich schon.“
Weitere Sätze, die helfen:
- „Das ist knifflig. Gerade an solchen Aufgaben lernt dein Gehirn am meisten.“
- „Welchen Teil davon kannst du schon?“
- „Fehler zeigen uns, was wir noch üben können.“
- „Weißt du noch, wie schwer dir die verliebten Zahlen am Anfang gefallen sind? Jetzt kannst du sie im Schlaf.“
Und einige Sätze, die Sie lieber vermeiden, auch wenn sie lieb gemeint sind: „Mach dir nichts draus, Mathe ist halt nicht jedermanns Sache.“ „Das ist doch ganz leicht.“ (Wenn es leicht ist und das Kind es trotzdem nicht kann, wie fühlt es sich dann?) Und: „Jetzt mach mal schneller.“
Hängen Sie eine Liste „Das kann ich jetzt“ an den Kühlschrank. Jedes Mal, wenn Ihr Kind etwas schafft, das ihm schwergefallen ist, schreiben Sie es mit Datum dazu. Sagt Ihr Kind wieder „Ich kann kein Mathe“, schauen Sie sich die Liste gemeinsam an.
Ihre eigenen Gefühle zu Mathe
Vielen Erwachsenen ist bei Mathe nicht ganz wohl, oft wegen ihrer eigenen Schulzeit. Dafür muss sich niemand schämen. Kinder bekommen aber sehr genau mit, wie Erwachsene über Mathe reden. Hört Ihr Kind „Ich war auch immer schlecht in Mathe“, schließt es daraus vielleicht, dass das in der Familie liegt und Üben sowieso nichts bringt.
Was stattdessen hilft:
- Achten Sie auf Ihre Worte. Statt „Ich war schon immer eine Niete in Mathe“ lieber: „Mathe fand ich in der Schule schwer, aber ich lerne immer noch dazu.“
- Zeigen Sie, dass Sie Mathe benutzen und dass man in Ruhe überlegen darf: „Moment, wir bringen 6 Pfandflaschen zurück, für jede gibt es 25 Cent. 4 Flaschen sind 1 Euro, dazu noch 2 mal 25 Cent, also 1,50 Euro.“
- Seien Sie gemeinsam neugierig. „Das weiß ich auch nicht genau. Komm, wir finden es zusammen heraus.“ Diesen Satz können Kinder gar nicht oft genug hören.
- Werden Sie selbst sicherer. Unser Ratgeber So wird Mathe heute unterrichtet erklärt die Rechenwege, die Ihr Kind lernt, und ein kurzes tägliches Zahlenrätsel für Erwachsene macht Zahlen auch für Sie wieder freundlicher.
Mathe ohne Druck: Spiele und kleine Erfolge
Ängstliche Kinder brauchen viele Gelegenheiten, bei denen sich Mathe nicht nach Prüfung anfühlt: keine Stoppuhr, keine Noten, kein Publikum. Mathe soll sich sicher anfühlen und gern auch Spaß machen.
- Brett- und Kartenspiele. Mensch ärgere Dich nicht, Domino, Kniffel oder Uno: Überall wird gezählt und gerechnet, ohne dass es jemand Mathe nennt.
- Würfelspiele. Mit zwei Würfeln würfeln und die Augen zusammenzählen. Wer zuerst 50 Punkte hat, gewinnt. Ältere Kinder nehmen die beiden Augenzahlen stattdessen mal.
- Ihr Kind ist der Profi. Lassen Sie sich etwas aus dem Unterricht erklären, etwa wie ein Zahlenhaus funktioniert. Erklären fühlt sich ganz anders an als abgefragt zu werden.
- Mathe im Alltag. Backen, Einkaufen, Taschengeld einteilen oder die Zugfahrt zu Oma planen: Hier haben Zahlen einen echten Sinn. Viele Ideen finden Sie unter Mathe im Alltag.
- Mit einem Erfolg anfangen. Beginnen Sie mit etwas, das Ihr Kind schon sicher kann, und gehen Sie dann einen kleinen Schritt weiter.
- Die Uhr erst einmal weglassen. Tempo hat seinen Platz, etwa wenn das kleine Einmaleins irgendwann sitzen soll oder die Klasse einen Einmaleins-Führerschein macht. Aufbauen lässt sich Tempo aber am besten, wenn sich ein Kind sicher fühlt. Übungen auf Zeit verstärken die Angst oft.
Auch Rätsel können helfen, solange niemand drängt, dass sie schnell gelöst sein müssen. Erst nicht weiterzukommen und dann plötzlich die Lösung zu sehen, gehört zu den schönsten Gefühlen in der Mathematik.
Noten und Übertritt: wenn der Druck steigt
In der Grundschule gibt es zwei Zeitpunkte, an denen Matheangst häufig zunimmt. Der erste sind die ersten Noten, meist ab Klasse 3, je nach Bundesland und Schule. Plötzlich steht unter der Klassenarbeit (in Bayern heißt sie Probe) eine Zahl, und manche Kinder verstehen diese Zahl als Urteil über sich selbst. Der zweite ist die 4. Klasse mit der Grundschulempfehlung für die weiterführende Schule (in Bayern mit dem Übertrittszeugnis). Wenn zu Hause bei jeder Mathe-Hausaufgabe mitschwingt, dass es „ums Gymnasium geht“, spürt das auch ein neunjähriges Kind.
Was hilft: Sprechen Sie über die Noten, aber machen Sie sie nicht zum wichtigsten Thema. Fragen Sie nach einer Klassenarbeit lieber „Welche Aufgabe ist dir gut gelungen?“ oder „Was willst du nächstes Mal anders machen?“ als zuerst nach der Note. Und VERA-3, die Vergleichsarbeit im Frühjahr der 3. Klasse, wird gar nicht benotet und zählt auch nicht für die Grundschulempfehlung. Das dürfen Sie Ihrem Kind ruhig sagen. Mehr dazu lesen Sie unter Tests und Noten in der Grundschule.
Wann Sie mit der Lehrkraft sprechen sollten
Ein Gespräch mit der Lehrkraft Ihres Kindes ist immer in Ordnung. Besonders sinnvoll ist es, wenn
- die Sorgen länger als ein paar Wochen anhalten oder schlimmer werden;
- Ihr Kind wegen Mathe nicht mehr gern in die Schule geht;
- die Hausaufgaben regelmäßig in Tränen enden, obwohl Sie sie kurz halten;
- Sie den Eindruck haben, dass Ihr Kind mit dem Stoff selbst kämpft und nicht nur mit den Gefühlen.
Lehrkräfte erleben Ihr Kind im Unterricht von einer anderen Seite und können Ihnen sagen, wie es dort läuft. Manchmal kann die Schule zusätzlich unterstützen, zum Beispiel mit Förderunterricht in einer kleinen Gruppe. Dafür müssen Sie nicht bis zum nächsten Elternsprechtag warten: Eine kurze Nachricht mit der Bitte um ein Gespräch genügt.
Kurze Antworten
Nein. Kinder jeden Leistungsstands können Angst vor Mathe haben. Die Angst erschwert das Denken, deshalb zeigt ein ängstliches Kind oft weniger, als es eigentlich kann.
Für diesen Tag ja. Schreiben Sie der Lehrkraft eine kurze Notiz ins Hausaufgabenheft und besprechen Sie dann gemeinsam, wie die Hausaufgaben für Ihr Kind wieder machbar werden.
Nicht unbedingt. Angst vor Mathe allein ist noch kein Hinweis auf eine Rechenschwäche. Halten die Schwierigkeiten mit den Grundlagen aber trotz Übung und Förderung an, sprechen Sie mit der Lehrkraft und dem Schulpsychologischen Dienst.
Ja. Mit ruhiger Unterstützung, vielen kleinen Erfolgserlebnissen und ermutigenden Worten zu Hause und in der Schule gewinnen die meisten Kinder deutlich an Selbstvertrauen.
Üben mit Indie
Beequation Kids macht aus Rechenaufgaben Wabenrätsel. Kommt Ihr Kind nicht weiter, gibt die Biene Indie einen Tipp. Ohne Werbung und ohne Datenerfassung.